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RVG Entscheidungen

§ 61

Übergang; Anwendung Verfahrensrecht; Altfälle

Gericht / Entscheidungsdatum: KG, Beschl. v. 10.12.2009, 1 Ws 164/09

Fundstellen:

Leitsatz: Mit dem Inkrafttreten des RVG ist dessen Verfahrensrecht auch dann anzuwenden, wenn in den Fällen des § 61 Abs. 1 Satz 1 RVG die Vergütung des Rechtsanwalts nach dem materiellen Gebührenrecht der BRAGO zu berechnen ist.


KAMMERGERICHT
Beschluß
Geschäftsnummer:
1 Ws 164/09
In der Strafsache gegen pp.
wegen Mordes u.a.

hat der 1. Strafsenat des Kammergerichts in Berlin
am 10. 12. 2009 beschlossen:

Die Sache wird an das Landgericht Berlin zur Entscheidung über die Erin-nerung der Pflichtverteidigerin, Rechtsanwältin y, gegen den Beschluß der Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle vom 26. Oktober 2009 zurückgege-ben.

G r ü n d e :

Die Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle des Landgerichts hat mit Beschluß vom 26. Oktober 2009 „festgestellt“, daß die Pflichtverteidigerin die ihr mit der Festsetzung vom 13. Juli 1998 gewährte Abschlagszahlung von 5.849,18 EUR (10.440,00 DM) an die Landeskasse zurückzahlen muß, da ihr Antrag auf Bewilligung einer Pauschver-gütung durch Beschluß des Senats vom
14. Oktober 2009 zurückgewiesen worden ist. Die dagegen gerichtete Erinnerung der Rechtsanwältin hat die Urkundsbeamtin dem Senat zur Entscheidung vorgelegt. Er ist nicht zuständig und gibt die Sache an das Landgericht zurück.

Der Rechtsbehelf richtet sich nicht gegen den Beschluß des Senats vom 14. Oktober 2009. Denn mit dieser – im übrigen nach
§ 51 Abs. 2 Satz 1 RVG ohnehin unanfechtbaren – Entscheidung ist keine Verpflich-tung zur Rückzahlung des durch Beschluß des Kammergerichts vom 5. Juni 1998 bewilligten Vorschusses ausgesprochen worden. Durch die Versagung einer Pauschvergütung entfiel lediglich der Rechtsgrund der geleisteten Abschlagszahlung. In der Rückforderung hat die Pflichtverteidigerin mit Recht eine Aufhebung der Vergütungsfestsetzung vom 13. Juli 1998 gesehen, die mit der Erinnerung angefoch-ten werden kann, über die hier das Landgericht zu entscheiden hat.

Die Entscheidung ist nach dem (neuen) Verfahrensrecht des RVG zu treffen, obwohl die Rechtsanwältin bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes (1. Juli 2004) zur Pflicht-verteidigerin bestellt worden war. Neues Verfahrensrecht ist, wenn es keine abwei-chenden Bestimmungen enthält, stets bereits mit dem Inkrafttreten der Normen an-zuwenden. Die Übergangsvorschrift des
§ 61 Abs. 1 Satz 1 RVG, nach der die BRAGO weiter anzuwenden ist, wenn der Rechtsanwalt vor dem 1. Juli 2004 bestellt worden war, steht dem nicht entgegen. Sie gilt nach der ständigen Rechtsprechung des Senats nur für das materielle Ge-bührenrecht. Die verfahrensrechtlichen Regelungen sind hingegen seit dem 1. Juli 2004 dem RVG zu entnehmen, und zwar unabhängig davon, nach welchem Recht sich die abgerechnete Vergütung richtet (vgl. N. Schneider AGS 2004, 221). Etwas anderes ergibt sich auch nicht daraus, daß § 61 Abs. 1 Satz 1 RVG sich nicht auf die Berechnung der Gebühren beschränken, sondern zwischen der Anwendung von BRAGO und dem RVG abgrenzen soll (vgl. BT-Drucksache 15/1971 S. 203). Denn damit ist nur gemeint, daß in den Fällen des § 61 Abs. 1 Satz 1 RVG für die Vergü-tung des Rechtsanwalts weiterhin die Gebührentatbestände, deren Voraussetzungen und die darin bestimmten Festbeträge, Rahmengebühren sowie Auslagenpauschalen der BRAGO maßgeblich sein sollen. Die Auffassung, wonach bei einer Gebüh-renbemessung nach der BRAGO auch deren Verfahrensregelungen über den 30. Juni 2004 hinaus gelten müssen (vgl. Thür. OLG JurBüro 2006, 368; KG (3. Senat), Beschluß vom 16. Dezember 2004 – 3 Ws 351/04 -), läßt außer Acht, daß dies bei der in § 61 Abs. 1 Satz 2 RVG geregelten Fallkonstellation zu einer nicht praxisge-rechten Aufspaltung der gebührenrechtlichen Rechtsbehelfe und deren Zulässig-keitsvoraussetzungen sowie zu unterschiedlichen Zuständigkeiten führt, was der Ge-setzgeber auch im Hinblick auf Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nicht gewollt haben kann. Denn gemäß § 61 Abs. 1 Satz 2 RVG gilt das neue Gebührenrecht für das Verfahren über ein Rechtsmittel, das nach dem 1. Juli 2004 eingelegt worden ist, auch wenn der Rechtsanwalt in dieser Sache bereits vor dem Stichtag tätig war. Seine Vergü-tung ist demzufolge für den ersten Rechtszug nach der BRAGO und für die Rechts-mittelinstanz nach dem RVG zu berechnen. Gegen die Festsetzung dieser Gebühren durch den Urkundsbeamten (§§ 98 Abs. 1 Satz 1 BRAGO, 55 Abs. 1 Satz 1 RVG) ist dann die Erinnerung zulässig, über die beim Gericht des ersten Rechtszuges nach § 98 Abs. 2 BRAGO der Vorsitzende und gemäß den §§ 56 Abs. 2 Satz 3, 33 Abs. 8 RVG grundsätzlich der Einzelrichter mit der Möglichkeit einer Übertragung auf den gesamten Spruchkörper zu entscheiden hat. Während gegen diese gerichtliche Ent-scheidung nach § 98 Abs. 3 BRAGO die unbefristete Beschwerde zulässig und eine weitere Beschwerde wegen § 310 StPO ausgeschlossen ist sowie in jedem Fall der Beschwerdewert (§ 304 Abs. 3 StPO) erreicht werden und der gesamte Spruchkör-per (§ 122 Abs. 1 GVG) entscheiden muß, sieht abweichend davon das neue Gebührenrecht zwingend eine Befristung des Rechtsmittels (§§ 56 Abs. 2, 33 Abs. 3 Satz 3 RVG) sowie – unabhängig vom Wert des Beschwerdegegenstandes – die Zulassung der (weiteren) Beschwerde und die Möglichkeit der Übertragung vom grundsätzlich zuständigen Einzelrichter auf den gesamten Spruchkörper vor (§§ 56 Abs. 2 Satz 1, 33 Abs. 8 Satz 2 RVG).

Wegen dieser unterschiedlichen Ausgestaltung der verfahrensrechtlichen Regelun-gen in dem alten und neuen Gebührenrecht ist es geboten, die Anwendung des § 61 Abs. 1 Satz 1 RVG, wie es in der Übergangsvorschrift des § 60 RVG deutlicher zum Ausdruck kommt, auf das materielle Gebührenrecht zu beschränken und es für das Verfahrensrecht bei dem allgemeinen Grundsatz zu belassen, nach dem bei einer Änderung der Verfahrensordnung die neuen Bestimmungen mit deren Inkrafttreten anzuwenden sind.


z

Einsender: RiKG Hanschke, Berlin

Anmerkung:


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